fdb – Forschungsdatenbank der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Vortrag

Rita Vallentin: "Sprachliche Konstruktion von Zugehörigkeit in einer guatemaltekischen community of practice"

VortagendeR Rita Vallentin
Tagung Workshop „Methoden und Methodologien von Praxistheorie und Grenzforschung“
Ort Frankfurt (Oder)
Jahr 2016

Zusammenfassung

Meine Forschung untersucht die sprachliche Aushandlung von Zugehörigkeit von BewohnerInnen eines guatemaltekischen Bergdorfs. Zugehörigkeit basiert hier auf der von SprecherInnen vorgenommenen Zuordnung zu sozialen Kategorien sowie mit den Kategorien verbundenen Zuschreibungen und Bewertungen (Hausendorf 2000: 5). Über diese Kategorien hinausgehend wird eine von den SprecherInnen artikulierte Form von Verbundenheit (attachment) untersucht (Pfaff-Czarnecka 2011: 201f.). Als dritter Gegenstand der Analyse gilt die Markierung geteilter narrativer Praktiken. Der Ort der Untersuchung, eine kleine guatemaltekische Bauernkooperative mit ca. 350 EinwohnerInnen, wird von seinen BewohnerInnen als einzigartig erzählt. Nachdem die Bauern von ihrem verschuldeten Arbeitgeber Ende der 1990er Jahre unbezahlt auf einer Kaffee- und Macadamiaplantage zurückgelassen wurden, erstritten sie sich vor Gericht das Recht, das Land zu kaufen. Heute arbeiten die ca. 40 Familien in verschiedenen Projekten und in der Agrarkultur, um den Bankkredit zurückzuzahlen. Mein Korpus besteht aus drei verschiedenen Arten von sprachlichen Daten. Den ersten Teil bilden ca. 20 Narrative über die Geschichte der Gemeinschaft, jeweils verwoben mit den Lebensgeschichten der SprecherInnen, die im Rahmen von semi-strukturierten Interviews elizitiert wurden. Eine weitere Datenform ist das kollektive Narrativ, welches für touristische Besucher der Kooperative aufbereitet und erzählt wird. Zusätzlich beinhaltet das Korpus ca. 30h Aufnahmen von alltäglichen kommunikativen Situationen in der Gemeinschaft. Aus dieser Fülle werden diejenigen Konversationen zwischen den BewohnerInnen, in denen Zugehörigkeit thematisiert wird, für die Analyse ausgewählt. Erhoben wurden die Sprachdaten im Rahmen einer insgesamt viermonatigen ethnographischen Feldforschung (2009 und 2011). Durch den ethnographischen Zugang können die sprachlichen Konstruktionen von Zugehörigkeit in ihren Mikro-Kontext (situational und interaktiv) sowie in ihrem Makro-Kontext (sozial und historisch) eingebettet werden. Methodisch werden die Daten bisher konversationsanalytisch und über narrativanalytische Konzepte (Positionierungen auf der Erzähl- und erzählten Ebene, voicing, membership categorization analysis [...]) erschlossen. Für den Workshop möchte ich vorschlagen, die Narrative aus dem Korpus als soziale Praktiken zu begreifen. Methodologisch hätte diese Herangehensweise den Vorteil, eine Brücke zwischen der lokalen Ebene der Interaktion und der Makroebene sozialer, historischer und politischer Verbindungen zu schlagen (Pennycook 2010: 124). Narrative Praktiken können als gemeinsame Ressource der SprecherInnen (der community of practice) gesehen werden, die auch bei der Herstellung von Zugehörigkeit eine Rolle spielen. Sie sind "[...] inflected, nuanced, reworked, strategically adapted to perform acts of group identity, to reaffirm roles and group-related goals, expertise, shared interests, etc." (De Fina/Georgakopoulou 2008: 384). In den Narrativen der DorfbewohnerInnen lassen sich wiederholt bestimmte erzählerische Muster bzw. -Strukturen in den Erzählungen über die Geschichte der Gemeinschaft bzw. in den Positionierungen der SprecherInnen entdecken. Das Erzählen der "Geschichte" ist habitualisiert und wird dem Publikum (der Interviewerin, den Touristen, der eigenen "wir-Gruppe") angepasst. So sollen in der Datenpräsentation diese zuhörererinnenspezifischen Erzählmuster gezeigt und ihre Einbettung in den lokalen sozialen Kontext der Gemeinschaft vorgenommen werden. Eine mögliche Frage, die sich bei der Bearbeitung der Narrative als soziale Praktiken abzeichnet, ist, wie sich jenseits der narrativen Strukturen und der "ways of telling" (Hymes 1996) auch auf der Mikro-Ebene der tatsächlichen Interaktion das "Belegen" von Praktiken in sprachlichem Datenmaterial darstellen könnte und ob dies tatsächlich etwas anderes als zum Beispiel eine ethnographische Gesprächsanalyse (Deppermann 2000) ist?

Einordnung in die Universitätsstruktur

Fakultät Kulturwissenschaftliche Fakultät
Lehrstuhl Professur für Sprachgebrauch und Sprachvergleich