fdb – Forschungsdatenbank der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Forschungsprojekt

Prof. Dr. Gangolf Hübinger: Entgrenzter Kapitalismus. Das „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ (1904-1933) und die europäischen Wissenschaftskulturen

Projektleitung Prof. Dr. Gangolf Hübinger
ProjektmitarbeiterInnen Dr. Barbara Picht
Time span 01/2016 - 09/2017
Fakultät Forschungsinstitute und -zentren
Lehrstuhl Viadrina Center B/ORDERS IN MOTION

Zusammenfassung

Die globale „Entgrenzung“ des Kapitalismus seit Beginn des 20. Jahrhunderts erfordert neue Formen wissenschaftlicher Selbstbeschreibung der sozialen Welt und führt zu neuen Ordnungen des Wissens. Auf diesen Prozess einer Verwissenschaftlichung des sozialen Denkens, der sich in Europa einerseits in spezifischen Grenzen nationaler Wissenschaftskulturen vollzog, andererseits diese Grenzen durch eine transnationale Wissenszirkulation permanent überschritt, richtet sich das Projekt. Es untersucht die fundamentale Bedeutung einer solchen Verwissenschaftlichung des Sozialen für das kulturelle Selbstverständnis Europas in der Epoche der „klassischen Moderne“ vor 1933. Diese Zeit zwischen 1900 und 1930 gilt kultur- und sozialwissenschaftlich als die liminale Transformationsphase zur industriekapitalistischen Massen- und Kommunikationsgesellschaft.

Es ist ein Prozess, in dem die Zeitschrift das Buch als Leitmedium wissenschaftlicher Kommunikation ablöst und als „institutionelle Verdichtung“ von Wissensordnungen angesehen werden kann. Das „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ (AfSS) gilt als Pionier internationaler historischer Sozialforschung. Das Projekt wählt es deshalb zum empirischen Ausgangspunkt für Untersuchungen zur Zirkulation wissenschaftlichen Wissens über nationale und fachspezifische Grenzen hinweg. Die industriekapitalistische Durchdringung aller Lebensbereiche in der Verbindung mit der Durchsetzung demokratischer Herrschaftsordnungen in Europa und in den USA beherrschte die Themenwahl des AfSS, kontrastiv verglichen mit den „sozialistischen Möglichkeiten von heute“ (Joseph A. Schumpeter, 1920) und mit einer „Soziologie des Faschismus“ (Franz Borkenau, 1931). Es besetzte bis zu der Emigration seines letzten Herausgebers und dem Ideentransfer an die New School for Social Research in New York die Themen, die wir heute unter den Stichworten „Globalisierung“, „Arbeitsgesellschaft“ oder „Aufgaben des Sozialstaates“ diskutieren.

Abstract

The global „debordering“ of capitalism since the beginning of the 20th century requires new forms of scientific self-description of the social world and leads to new orders of knowledge. The project takes aim at this process of scientification of social thinking which, on the one hand, took place within the specific borders of national cultures of knowledge but which, on the other hand, permanently exceeded those borders by means of transnational circulation of knowledge. It examines the fundamental significance of such a scientification of the social sphere with regard to the cultural self-conception of Europe in the epoch of „classic modernism“ before 1933. The period between 1900 and 1930 is considered to be the liminal transformation period towards a mass society under the conditions of capitalism. It is a process in which the journal takes the place of the book as the leading medium in scientific communication and in which journals can be considered as an „institutional densification“ of knowledge orders. The „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik“ (AfSS) is regarded as a pioneer in international historical social science. The project therefore chooses it as a point of departure for the study of the circulation of scientific knowledge across national and disciplinary borders. The capitalist penetration of all areas of life in connection with the implementation of democratic systems of rule in Europe and the USA dominated the topic choices of the AfSS in contrastive comparison to „today's socialist possibilities“ (Joseph A. Schumpeter, 1920) and a „sociology of fascism“ (Franz Borkenau, 1931). Up to the emigration of its last editor and the transfer of ideas to the New School for Social Research in New York, the AfSS covered all the topics that today are discussed under the headings „globalisation“, „Arbeitsgesellschaft“ or „tasks of the welfare state“.

Kooperation

Internationales Projekt Nein
Kooperationspartner Bayerische Akademie der Wissenschaften

Publikationen