fdb – Forschungsdatenbank der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Projekt

Prof. Dr Andreas Reckwitz: Die Produktion der Kreativität. Zur kulturellen Normalisierung der Abweichung

Projektleitung Prof. Dr Andreas Reckwitz
Time span 01/2008 - 01/2011
Fakultät Kulturwissenschaftliche Fakultät
Lehrstuhl Professur für Vergleichende Kultursoziologie

Zusammenfassung

Die Moderne wurde vom soziologischen Diskurs klassisch als eine institutionelle Ordnung der Rationalisierung verstanden. Die Standardisierung des Verhaltens erschien als Normalfall ihrer ökonomisch-politischen Ordnung, und die ästhetische Utopie eines schöpferischen, experimentellen, sinnlich sensibilisierten Menschen als ein oppositionelles Modell, das sich jeder realen Generalisierung entzog. Seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts hat sich in dieser Hinsicht jedoch eine bemerkenswerte Umkehrung vollzogen, die sich im Leitdiskurs der ‚Kreativität" verdichtet. Die ehemalige Minderheitensemantik bezüglich der Kreativität als ein schöpferisches, ästhetisch sensibilisiertes Vermögen jenseits des Regelfolgens avanciert zu einem verallgemeinerten Modell des postmodernen Selbst und seiner Aktivitäten von Arbeit und Ökonomie bis zu den persönlichen Beziehungen. Das Buch will diesen in hohem Maße erläuterungsbedürftigen, zugleich unebenen und in sich widersprüchlichen Prozess der kulturellen Normalisierung der Kreativität und eines kreativen Subjekts im Verlaufe des 20. Jahrhunderts kultursoziologisch rekonstruieren. Kreativität lässt sich hier nicht als eine quasi-natürliche Kraft menschlichen Handelns voraussetzen, sondern wird selber unter bestimmten kulturellen und sozialen Bedingungen in besonderer Weise als Muster produziert: die Produktion der Kreativität.

Das Buch beginnt mit einer Analyse der Ausgangssituation im 19. Jahrhundert, in der das Modell des Künstlers und der ästhetischen Moderne aus dem Gefolge der Romantik mit einer Pathologisierung des schöpferischen Genies im Rahmen der Psychologe konfrontiert wird. Anschließend geht es den einzelnen kulturellen Feldern nach, die im Laufe des 20. Jahrhunderts genau umgekehrt anstelle der Pathologisierung eine Normalisierung des Kreativen vorangetrieben haben. Ihre drei Hauptfaktoren sind 1) im Bereich von Kunst und Ästhetik eine Entwicklung kreativer ‚Techniken", die – vom Surrealismus über die Popart bis zu Concept Art und Postmodernismus - an die Stelle des Individualgenies treten; 2) im Diskurs der Psychologie die kognitivistische Kreativitätspsychologie im Rahmen der Intelligenzforschung und die ‚self growth"-Psychologie seit den 1950er Jahren; 3) im Kontext der Ökonomie die um den Leitbegriff der ‚Innovation" kreisenden Organisations- und Managementkonzeptionen seit den 1960er Jahren, die sich seit den 1980er Jahren zudem in der Kreativindustrie zu einem ‚Jugendkulturkapitalismus" verdichten. Weitere verstärkende Faktoren der Orientierung an Kreativität, die insbesondere seit den 1990er Jahren sichtbar werden, sind 4) die Etablierung eines öffentlichen ‚Star"-Systems, welches die Aufmerksamkeit von kreativen Leistungen auf die Inszenierung der Person des Kreativen als Totalphänomen vor einem Publikum verschiebt, sowie 5) die Etablierung einer an Kreativität orientierten Form politischer Gouvernementalität (creative industries, creative cities).

Umfang: ca. 300 Seiten

erscheint September 2011 im Suhrkamp Verlag (stw)

Finanzierung

Drittmittelgeber Eigenfinanzierung EUV
Finanzierungsart University budget (100%)

Kooperation

Internationales Projekt Nein