fdb – Forschungsdatenbank der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Promotion (Individual doctorate)

Dr. Marta Kowalczyk: Mobilisierungspotenziale sozialen Kapitals in der deutsch-polnischen Grenzregion

DoktorandIn Dr. Marta Kowalczyk
Betreuer BetreuerIn Prof. Dr. Anna Schwarz
Zeitraum 1. Oktober 2003 - 1. Januar 2007
Fakultät Kulturwissenschaftliche Fakultät
Lehrstuhl Professur für Vergleichende politische Soziologie

Zusammenfassung

Die Dissertation beinhaltet einen Beitrag zur europäischen Regionalforschung, der soziologische und wirtschaftsgeographische Forschungsansätze verknüpft. Die Hauptfragestellung der Arbeit ist auf die Mobilisierungspotenziale sozialen Kapitals in der deutsch-polnischen Grenzregion gerichtet, so dass die Untersuchung theoretische Erkenntnisse zum Konzept des sozialen Kapitals mit empirischen Befunden zu seinen Mobilisierungspotenzialen in einer konkreten Region verbindet. Die Untersuchung ist in einem konkreten Forschungskontext zu verorten, der sich in begrifflichen sowie konzeptuellen Wissenschaftstendenzen der letzten Zeit widerspiegelt. So findet der soziologische Begriff des sozialen Kapitals mit Bezug auf die Netzwerkbildung zwischen sozio-ökonomischen Akteuren auch in der Regionalforschung seine Anwendung. Darüber hinaus räumen neuere Konzepte der Wirtschaftsgeographie dem Phänomen der Netzwerkbildung einen zentralen Stellenwert für die Raumentwicklung ein. Dem empirischen Teil der Erörterung geht eine Darstellung der untersuchungsrelevanten Theorien zum Konzept des Sozialkapitals voraus (Bourdieu, Coleman, Putnam, Fukuyama, Granovetter und Burt). Der theoretische Bezugsrahmen der Untersuchung wird dann durch eine Erörterung des Zusammenhangs von regionalen Innovationen, Wissensgesellschaft und Netzwerkbildung erweitert. Nach dem die für die Studie relevanten Begriffe wie Kooperation oder Netzwerke definiert und Konzepte wie u.a. regionale Einbettungen und Innovationssysteme vorgestellt werden, erfolgt schließlich die Formulierung der der Studie zugrunde liegenden Definition von Sozialkapital als Beziehungsnetz verschiedener sozialer und ökonomischer Akteure (...), das über Informationsvorräte verfügt, durch Orientierung an gemeinsamen Normen gesteuert wird und schließlich die Interaktion zwischen den Akteuren begünstigt". Demzufolge wird auch spezielles Untersuchungsinteresse betont, das nicht nur das Vorhandensein kooperativer Beziehungen fokussiert, sondern sich vielmehr der sozialkapitalbasierten Vernetzung verschiedener Akteure zuwendet. Als Überleitung zum Hauptteil der empirischen Untersuchung dient eine Darstellung der Charakteristik des Untersuchungsraumes (deutsch-polnische Grenzregion), wobei insbesondere die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen, die besonderen sozio-ökonomischen Entwicklungsbedingungen der Grenzregion und die Rahmenbedingungen für Kooperationenbeziehungen in der Grenzregion skizziert werden, um erste Befunde des Sozialkapitals in dieser Region auf Basis verschiedener Studien zur Entwicklung der Regionen Ostdeutschlands und Westpolens zu formulieren. Die Analysen der Sekundärquellen zeigen, dass trotz der erwarteten starken regionalen Entwicklung während der letzten über 15 Jahre der Transformation die Verflechtungsbeziehungen in der Grenzregion durch Übersprungeffekte charakterisiert sind. Das heißt z.B., dass die polnische Wojewodschaft Wielkopolskie mit Poznań wirtschaftlich mit der deutschen Region Baden-Württemberg stärker verbunden ist als mit dem ostdeutschen Bundesland Brandenburg. Auch die EU-Osterweiterung, von der sich die grenznahen Regionen viel erwünscht haben, bringt positive Entwicklungen in erster Linie für strukturstarke Gebiete und insbesondere Metropolregionen. Die strukturschwache Grenzregion bleibt weiterhin am Rande der Entwicklung und wird durch hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung der qualifizierten Arbeitskräfte und zu geringe Großinvestitionen charakterisiert, wobei festgestellt werden kann, dass besonders auf der deutschen Seite wegen des Desinteresses der Akteure gemeinsame Entwicklungschancen übersehen werden. Die empirische Untersuchung, auf die sich diese Arbeit stützt, wurde anhand einer schriftlichen Befragung mit einem standardisierten Fragebogen durchgeführt. Der Fragebogen war für jede der untersuchten Gruppen (insgesamt vier Kleine und Mittelständische Unternehmen (KMU) der IT-Branche, Verwaltung, wissenschaftliche Institutionen und Institutionen der Wirtschaftsförderung) so entwickelt, dass der Hauptteil die gleichen Fragen enthielt, ergänzt durch jeweils spezielle akteursspezifische Fragen. Somit wurde eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse für die jeweiligen Gruppen erreicht. Diese wurden landessabhängig entweder in polnischer oder in deutscher Sprache befragt. Als Medium für diese Befragung diente das Internet. Von den insgesamt 3413 verschickten Anschreiben, haben mehr als 13 Prozent, d.h. 440 Befragte den Fragebogen verwertbar ausgefüllt. Ziel der Untersuchung war zu prüfen, in wieweit kooperationsfördernde Netzwerke zwischen den deutschen und polnischen Akteuren in der Grenzregion vorhanden sind und wie die sozialkapitalbasierten Ressourcen der Zusammenarbeit unterstützt werden könnten. Der erste Schritt der empirischen Untersuchung konzentriert sich auf den Ist-Zustand der Grenzregion in Bezug auf die Vernetzung der relevanten Akteurskategorien. Hier wird geprüft, welche Verbindungen zwischen  Akteuren und Teilregionen bereits existieren. Der zweite Schritt mündet in der Untersuchung dessen, wie diese Vernetzung von den Akteuren wahrgenommen wird. Das Augenmerk richtet sich hierbei auf Aspekte wie Kooperationserwartungen und Rahmenbedingungen der Kooperation, weil die gegenseitigen Erwartungen der Akteure eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung und Nachhaltigkeit von Kooperationsbeziehungen darstellen. Diese Untersuchung bezieht weitere Aspekte wie die Art der Kooperationsanbahnung, die Kooperationserfahrungen und die bisherige Wirtschaftsförderung ein. Der erste Schritt liefert Erkenntnisse über den Zustand der Vernetzung in der Grenzregion, während der zweite Schritt die Ressourcen zur Mobilisierung von sozialem Kapital behandelt. Aus den sekundären Befunden, die in der Arbeit Erwähnung und partielle Verwendung als Ausgangspunkt für eigene Analyse gefunden haben, geht hervor, dass der Bestand an Sozialkapital in der deutsch-polnischen Grenzregion als gering einzustufen sei. Die empirische Untersuchung, die dieser Arbeit zugrunde liegt, lässt hingegen die Feststellung zu, dass einige Akteure wie z.B. KMU untereinander und lokale Verwaltungen) ein ziemlich gut entwickeltes und dichtes Netz von inter-organisatorischen Beziehungen besitzen; andere Beziehungen wie z.B. zwischen den KMU und wissenschaftlichen Institutionen sind dagegen nur schwach entwickelt. Da diese empirische Studie im Unternehmensbereich auf eine Branche beschränkt war (IT-Unternehmen), die als überdurchschnittlich "vernetzungsorientiert" gelten kann, ist trotz der relativ positiven Vernetzungsqualitäten in diesem Wirtschaftszweig der Region der Befund eines insgesamt schwach entwickelten Sozialkapitalbestandes in der Grenzregion nach wie vor gültig. Doch zeigt die empirische Studie unter ihrem zweiten Aspekt der Mobilisierungspotenziale auf, dass es durchaus positive Entwicklungsmöglichkeiten diesbezüglich gibt. So ist eine stetige Zunahme der Kontakte zwischen den Akteuren zu verzeichnen, Insbesondere die polnischen Unternehmen und Institutionen wünschen sich eine Intensivierung der Vernetzungen und Kooperationen. Dies lässt  die Schlussfolgerung zu, dass sich das Sozialkapital in der Grenzregion langsam entwickelt und dass eine nachhaltige Entfaltung von Netzwerkbeziehungen auf der polnischen Seite der Region wahrscheinlicher als auf der deutschen Seite ist. Gleichwohl sind die grenzüberschreitenden Beziehungen weiterhin ein Schwachpunkt Polnische sowie deutsche Unternehmen kooperieren in der jeweils eigenen Region oder im eigenen Land relativ gut miteinander, schaffen es aber nur selten, ein Kooperationsnetz über die Grenze hinweg auszubauen. Als besorgniserregend ist die festgestellte sehr schwache Vernetzung der Unternehmen mit den wissenschaftlichen und den intermediären Institutionen zu bezeichnen. In der aktuellen Regionalforschung wird nämlich die regionale Wissensvernetzung zwischen Wissenschaftseinrichtungen und Unternehmen einer Region immer öfter als Schlüsselfaktor bzw. als eine regionale Entwicklungsressource betrachtet, die zunehmende Bedeutung erlangt, und mit Konzepten des Sozialkapitals und der Netzwerkanalyse untersucht wird. Auch die Aktivität der intermediären Institutionen der Grenzregion wird in der Arbeit kritisch behandelt und zeigt eine Diskrepanz der gegenseitigen Wahrnehmungen der Akteure. Die intermediären Institutionen geben zu, besonders die Berliner und Brandenburger, viele grenzüberschreitende Kontakte zu haben. Die Angaben der KMU bestätigen aber diese angegebene Vernetzung nicht. Aus Sicht der Unternehmen existieren zwischen diesen und den intermediären Institutionen lediglich einzelne Verbindungen. Die für die Arbeit durchgeführte Befragung und Auswertung der daraus gewonnen Ergebnisse liefern ein quantitatives Gesamtbild der Region in Bezug auf den Bestand des Sozialkapitals. Viele der erforschten Aspekte könnten aber in weiteren Untersuchungen zum Ziele einer weiterführenden Analyse auf qualitativem Weg vertieft werden. Sehr interessant in Bezug auf mögliche Ergebnisse wäre vor allem eine genauere Netzwerkanalyse, die auf die Untersuchung der spezifischen Qualität der Kooperationsverflechtung zwischen den einzelnen Akteuren in der Grenzregion abzielte.

Abstract

The dissertation constitutes a contribution to European regional research that links sociological and economic geography research principles. The main question and focus of the dissertation is on the mobilisation potential of social capital in the German-Polish border area. The research connects theoretical insight about the concept of social capital with empirical results on its mobilisation potential in a specific region. The research is located within a specific research context, which mirrors the notational as well as the conceptual scientific trends of recent years. Following this path, the sociological notion of social capital in relation to the building of networks between socioeconomic actors is also applied to regional research. Furthermore, newer concepts of economic geography acknowledge the phenomenon of the building of networks a central role in spatial development. The empirical part of the dissertation is preceded by a delineation of the relevant theories on the concept of social capital (Bourdieu, Coleman, Putnam, Fukuyama, Granovetter and Burt). The theoretical framework of the dissertation is then extended through a discussion about the relationship of regional innovations, the knowledge society and the creation of networks. Only after the research relevant terms of cooperation or networks have been defined and concepts such as regional embeddings and innovation systems have been presented, does the formulation of social capital take place "as relationship network of different social and economic actors (…), that posses information inventories, is managed through orientation on collectively accepted rules and which finally favours the interaction between the actors. As a result, a special research interest is also highlighted, which not only focuses the existence of cooperative relationships, but rather turns to the social capital based networking of different actors. A depiction of the traits of the research space (German-Polish border area) serves as a transition to the core empirical research. To formulate first statements about the social capital in this region on the basis of different studies about the development of the regions of Eastern Germany and West Poland a special emphasis is put on the development of the German-Polish relationship, the particular socioeconomic development conditions of the border area and the general conditions for cooperation relationships.  The analysis of secondary sources show that despite the expected strong regional development during the last 15 years of the transformation the interdependence relationship in the border area is characterized by Jump over effects. This means for example that the Polish Wojewodschaft Wielkopolskie with Poznań has a stronger economic bond with the German region of Baden-Württemberg than with the East German federal state of Brandenburg. The EU-eastern enlargement, in which the border near regions had big hopes for, shows again that the positive developments are obtained primarily by structurally strong territories and among them especially by metropolitan regions. The structurally weak border area profits only marginally from the development and is characterized by high unemployment, the migration of qualified workforce and few big investments. At this point it has to noted that, especially from the German side, a lot of joint development chances are overlooked due to lack of interest from the relevant actors. The empirical research, in which this dissertation is based on, was carried out by means of a written survey with a standardised questionnaire. The questionnaire was developed in such way that the main part of each of the researched groups (total of four small and medium enterprises (SMEs) of the IT-sector, the administration, scientific institutions, and business development institutions) included the same questions, supplemented respectively by group specific questions. Thus the comparability of the results for each of the groups was achieved. Depending on their country of origin they were surveyed either in Polish of German.  The medium for the questionnaire was the internet. Of the total of 3413 sent requests over 13 percent, that is 440 interviewees, returned duly completed questionnaires. The objective of the research was to examine to what extent cooperation promoting networks exist between the German and Polish actors in the border area and how the social capital based resources of cooperation can be supported. The first step of the empirical research concentrates on the current state of the border area in relationship to the interconnectedness of the relevant actor categories. Here is where the connections that exist between the actors and the sub-regions are examined. The second step results in the exploration of how these connections are perceived by the involved actors. The attention is drawn at this point towards aspects such as the expectations of the actors when cooperating and the framework conditions for cooperation, because the mutual expectations of the actors represent an important prerequisite to establish and to maintain lasting cooperation. This analysis includes additional aspects such as the way in which the cooperation is initiated, the cooperation experience and the previous business development. The first step provides insight about the networking situation in the border area, while the second step deals with the mobilisation of social capital. From the secondary sources analysed for and mentioned in the dissertation which were partially used as starting point for one's own analysis it is stated that the existing level of social capital in the German-Polish border region has to be classified as low. The empirical research developed for this dissertation shows however that some actors such as SMEs among each other and local administrations possess a rather well developed and tight network of interorganisational relationships; other relationships such as between SMEs and research institutions are on the contrary underdeveloped. Since the empirical research is limited to a specific industry (IT-Companies) that is considered above the average "network oriented", and despite the relatively positive networking levels in this region and industry it can still be stated that the collective social capital in the border area is underdeveloped. The empirical research shows however that from the perspective of the mobilisation potential there are by all means positive development opportunities. A steady increase of contacts between the actors has been registered – especially the Polish companies and institutions wish an intensification of networking and cooperation. This leads to the conclusion that the social capital in the border region develops slowly and that a lasting expansion of network relationships is more likely in the Polish side of the region than in the German side. Nevertheless, the cross-border relationships remain a weak point Polish as well as German companies cooperate in their own regions or in their own country relatively well among each other, but seldom achieve to create a cooperation network beyond their own border. The assessed weak networking of companies with scientific and intermediary institutions is alarming. The regional knowledge networking between companies and scientific institutions is increasingly being considered as a key factor, respectively a regional development resource in the rise, in the current regional research, and it is studied with the concepts of social capital and network analysis. The activity of intermediary institutions in the border area is also analysed critically in the dissertation and shows a discrepancy in the mutual perception of the involved actors. The intermediary institutions acknowledge, especially those from Berlin and Brandenburg, to have many cross-border contacts. The data from SMEs however does not corroborate this acknowledged networking. From the perspective of companies, there are merely individual relationships between them and intermediary institutions. The survey and the analysis of its results made in the context of the dissertation deliver a quantitative overview of the region in relationship to the existence of social capital. Many of the researched aspects could however be investigated qualitatively in future research with the goal of advancing the analysis.  A closer network analysis focused on surveying the specific qualities of the cooperation interdependence between the individual actors in the border area would be particularly promising regarding possible results.

Finanzierung

Drittmittelgeber Sonstiges
Finanzierungsart
Weitere Drittmittelgeber Europa-Fellow II Programm (10.2003-12.2005), Alfred Toepfer Stiftung (01.2006-06.2006), sonst Eigenfinanzierung</p>