fdb – Forschungsdatenbank der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Monographie

Igor Panasiuk: Polyvarietät der Übersetzung

Zusammenfassung

Wenn schon von der Neuorientierung in der modernen Übersetzungswissen­schaft die Rede ist, so sollte es sich dabei in erster Linie um die Überwindung der Kluft zwischen der Theorie und Praxis des Übersetzens handeln, die im Verlaufe der Entwicklung der Übersetzungstheorie und Etablierung der Diszip­lin „Translationswissenschaften“ entstanden ist. Die Übersetzungstheorie erntet dadurch bei den praktizierenden Übersetzern oft wenig Akzeptanz infolge ihrer entfernten Praxisorientierung. Die Unzufriedenheit der Übersetzungspraktiker ist jedoch nicht unbegründet, denn die zu verzeichnende Menge an Translati­onstheorien, die sich oft gegenseitig ausschließen und widerlegen, präsentieren eine in gewisser Hinsicht chaotische Situation in der Übersetzungswissenschaft, die sich entsprechend negativ auf die Übersetzungspraxis auswirkt. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich darin, dass die Versuche, die letzten Endes zur Ent­wicklung zahlreicher Theorien und Ansätze beitrugen, das Übersetzen als Kunst theoretisch zu erfassen bzw. zu beschreiben, an der Komplexität dieser kreativen Tätigkeit scheitern und Begrenztheit ihres Vermögens aufweisen. Die Sicht auf den Prozess des Übersetzens als Kunst kann offensichtlich dadurch erklärt wer­den, dass er sich zwischen zwei antagonistischen Polen bewegt. Es wohnen, Goethes Ausspruch paraphrasierend, zwei Seelen in der Brust des Übersetzers: Auf der einen Seite sind das die linguistischen und pragmatischen Kenntnisse des Übersetzers, auf der anderen Seite seine Intuition, sein „übersetzerisches Fingerspritzengefühl“. Letzteres, Intuition, das übersetzerische Fingerspitzenge­fühl sind schwer sprach- sowie geisteswissenschaftlich erfassbar. Diese Tatsa­che stuft das Übersetzen in den Rang der Kunst, des Könnens ein, den Bereich der menschlichen Kognition, Psychologie, die eine Grundlage für die Beschrei­bung des Übersetzungsprozesses als Kunst bieten. Die Praxisorientierung der Übersetzungswissenschaft besteht daher darin, diese angewandter zu machen, sie in Richtung der Übersetzungspraxis zu bewegen, indem der Übersetzungs­prozess mit kognitiven und psycholinguistischen Methoden bewusst beschrieben werden kann, deren Hintergrund Semiotik bietet. Ein bewusstes Erfassen von kognitiven Mechanismen des Übersetzungsprozesses schlägt eine Brücke zwi­schen der Theorie und Praxis des Übersetzens, denn es liefert auch ein unbe­grenztes Potenzial für die Übersetzungsdidaktik als psychologische Disziplin, in der der Übersetzungsprozess, zerlegt in seine kognitiven Bestandteile, Mecha­nismen, in Form von Übungen eintrainiert werden kann, was sich letzten Endes über die Übersetzungsdidaktik in die Übersetzungspraxis ergießt. Dadurch kann ein kognitiver Wendepunkt in der Übersetzungswissenschaft, ihre Neuorientie­rung verzeichnet und die Lücke zwischen Übersetzungstheorie und Überset­zungspraxis geschlossen werden. Eine theoretische Basis hierfür stellt also die Zusammenwirkung von semiotischen, psycholinguistischen und kogni­tiven As­pekten dar, die sich miteinander überschneiden und dadurch gegenseitig ergän­zen. Mit dieser komplexen Problematik setzt sich die vorliegende Habilitations­schrift „Polyvarietät der Übersetzung“ von Igor Panasiuk auseinander.

Abstract

The field of scientific interest of this study “Polyvariety of Translation” con­cerns the theory of translation. The research focuses on the process of translation in its psycholinguistic, cogni­tive and semiotic aspects. While observing students at the Institute of Transla­tion and Interpreting at the Department of Russian lan­guage at the University of Heidelberg the author of this study came up with the idea to describe the process of translation, which consists of some conscious cognitive pro­cesses, in order to apply these to the translators’ and interpretors’ training. The theoretical basis taken for the concept of polyvariety of translation is the postulate under which essentially the entirety of translation and interpret­ing (T&I) theory can be sub­sumed - Roman Jakobson's eminent postulate of "equivalence in difference". This postulate firstly states the relation between source and target, which is based on a difference, i.e. on an impli­ca­tive relation in the semiotic sense, and secondly equivalence consists in a diversity of trans­lation variants which are in a relationship of difference to the original, since the translator understands partly unconsciously and partly consciously; always se­lectively and purposefully; partly cognitively and partly intuitively; always sub­jectively", which permits the availability of multiple translations of one and the same text by different trans­lators with comparable translation competence which in their totality establish the polyvariety of transla­tion. Such complex attitude at the process of translation opens a new sight on the theory of translation, builds a bridge between the the­ory and practice of translation and can be successfully applied to the didactic purposes.

Autor Igor Panasiuk
Titel Polyvarietät der Übersetzung
Schriftenreihe Translatologie
Verlag Verlag Dr. Kovac
Druckort Hamburg
Jahr 2016

Einordnung in die Universitätsstruktur

Fakultät Kulturwissenschaftliche Fakultät
Lehrstuhl Lehrstuhl für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation

Bibliographische Angabe

Igor Panasiuk: Polyvarietät der Übersetzung. (Translatologie) Hamburg: Verlag Dr. Kovac 2016.