fdb – Forschungsdatenbank der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)

Forschungsprojekt

Prof. Eva Kocher: Koordination selbständiger Unselbständigkeit: Erwerbsarbeit jenseits der Organisation im digitalen Zeitalter

Project management Prof. Eva Kocher, Prof. Dr. Anna Schwarz, Prof. Dr. Jochen Koch
Time span 09/2015 - 08/2017
Division ("Fakultät") Zentrale Einheit
Chair Professur für Vergleichende politische Soziologie

Zusammenfassung

Die beschleunigte Entwicklung digitaler Technologien verändert und globalisiert auf komplexe und vielfältige Weise Lebens- und Arbeitswelten und prägt den Übergang zur Wissensgesellschaft. Damit gehen Veränderungen der Koordinationsformen von Erwerbsarbeit einher, die im Kontext neuer Subjektivierungs- und Entgrenzungsdynamiken herkömmliche (nationalstaatlich geprägte) Verständnisse abhängiger Arbeit im Recht und in der Organisationstheorie in Frage stellen. Traditionelle Prozesse der Arbeitsteilung, die entsprechende Tätigkeiten in den Ordnungsrahmen Organisation, Markt oder zuletzt in Netzwerken zusammenführen, werden immer öfter durch die unterschiedlichsten hybriden Koordinationsformen ersetzt. Crowdworking, der Untersuchungsgegenstand des Projekts, zeigt, wie sich Unternehmen unter Globalisierungs- und Innovationsdruck öffnen, um flexibel externe Wissens- und Produktionsquellen zu nutzen, wodurch räumlich, zeitlich und auch sozial distante Wirtschaftssubjekte in der Peripherie der Unternehmensorganisation auf neue Art in den Wertschöpfungsprozess eingebunden und selbstständig unselbstständig beschäftigt werden.

Die Entwicklung überschreitet in mehrfacher Hinsicht Grenzen: Die Verflüssigung von Grenzen in der Koordination von Erwerbsarbeit vollzieht sich auf mindestens drei unterschiedlichen Ebenen, die sich wechselseitig bedingen und beeinflussen: auf organisationaler Ebene in Bezug auf Innen versus Außen; auf rechtlicher Ebene in Bezug auf arbeitsvertragliche versus sonstige (wirtschafts-)vertragliche Beziehungen; auf Subjektebene in Bezug auf selbständige und unselbständige Erwerbsarbeit. Zugleich werden dadurch nationalstaatliche Grenzen überschritten, sodass normative Konzepte nicht mehr länger nur im nationalstaatlichen Rahmen sondern global und transnational gedacht werden müssen. Um diese komplexen Grenzverwischungen angemessen beschreiben und verstehen zu können, erscheint auch das Überschreiten disziplinärer Grenzen erforderlich. Wir werden deshalb in interdisziplinärer Kooperation rechtswissenschaftliche, organisationstheoretische und subjektsoziologische Perspektiven zusammenbringen. Dazu verwenden wir einen prozess-, interaktionsfokussierten und reflexiven Analyseansatz, der die Herausbildung neuer Organisationsmuster, Rechtsverhältnisse und Subjektpositionierungen erschließen kann sowie einen spezifischen Methodenpluralismus. Im Mittelpunkt der Beobachtung stehen die vielseitigen und komplexen Interaktions- und Aushandlungsbeziehungen zwischen Crowdsourcern, internetbasierten Koordinationsplattformen, Crowd und Crowdworker/innen, die wir anhand der (und für das Phänomen der selbstständigen Unselbstständigkeit konstitutiven) Parameter von Autonomie versus Kontrolle sowie von Flexibilität versus Stabilität analysieren. Hierzu nutzen wir ein praxeologisches Vorgehen sowie qualitative, kontrastive Fallstudien in verschiedenen Branchen und entlang der Dimension von einfacher, partialisierbarer versus komplexerer Arbeitsleistungen. In normativer, rechtskritischer Perspektive fragen wir schließlich, wie die neu entstehenden Formen der Erwerbsarbeit verfasst werden können, insbesondere welche Schutz- und Regelungskonzepte aussichtsreich sind und welche Anforderungen sich in einer globalisierten Welt für Recht und Politik ergeben können.

Abstract

Coordination of Self-Employed Employment: Work beyond Organisations in the Digital Age. Traditional forms of coordination of employment have undergone major changes, due to new digital technologies. Boundaries of enterprises and with it boundaries of employment have begun to blur. New hybrid forms of independent and dependent work, replacing the traditional processes of division of labor, have emerged. The project deals with the liminal sphere which is being constituted in the ongoing processes of re-coordination of employment. Crowdworking exemplifies this. It is an interactive form of performance directed to remuneration: A company (crowdsourcer) calls - on the basis of Web 2.0 - out for an indefinite number of participants (crowdworker) in order to carry out simple, operational, and predefined or even complex, creative and innovational work. Often also promoting platforms (intermediaries) are used in that context. The crowdsourcers will then select and pay the (best) results or cumulative contributions and integrate them into their value creation process. We want to investigate, how companies react under the pressure to globalise and innovate to benefit external sources of knowledge and production. Crowdworking, which occurs in the context of crowdsourcing and focus the element of gainful employment, describes a new value-added process. The concern of the research project is to investigate this as a particularly sharpened mode of decentralization and externalization of employment. Spatial, temporal and social distant economic agents in the periphery of company organisation are integrated and employed in an independent-dependent way. Yet, this shift is only partially studied and mostly from a single disciplinary perspective. That is why the phenomenon of crowdworking is often reductively analyzed as either a coordination problem for management, a risk of precarity for workers or as a judicial field in need of new legal regulation (on the basis of the ideal of conventional labor contracts). In that way, such reductionist approaches cannot adequately capture the innovative character of crowd working. Consequently, this inter- and transdisciplinary project develops a more complex perspective on crowd working, which combines organizational, subject-focused and legal-theoretical analyzes. This allows us to study the potential of crowdworking for a reciprocal reinforcement of autonomy and control as well as flexibilisation and stability for both, companies and subjects. Additionally, we can open up a normative view on crowdworking, which allows us to scrutinize the coordination potential of the emergent forms of order in the interaction practices among crowdsourcer, web based platform, crowdworkers and the crowd.

Partnership

International Project Nein

Publications